Afrika wohin? – Politik, Wirtschaft und Migration

Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate, Unternehmensberater für Afrika und dem Mittleren Osten, Autor und Politischer Analyst. Geboren 1948 – Addis Abeba. Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, Urenkel der Kaiserin Menen Asfaw und Sohn des letzten Präsidenten des kaiserlichen Kronrates, Oberst Leul Ras (Herzog) Asserate Kassa (1922–1974) und seiner Ehefrau Leult (Prinzessin) Zuriash Worq Gabre-Iqziabher (* 1930) ist er Angehöriger des entthronten äthiopischen Kaiserhauses. Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaft und Geschichte in Tübingen und Cambridge. 1978 Promotion in Frankfurt am Main. Wegen den politischen Umwälzungen in seiner Heimat musste Dr. Asserate in Deutschland bleiben, wo er 1981 auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. In den Jahren 1980 – 1983 war er Pressechef der Düsseldorfer Messegesellschaft. Seitdem arbeitet er als selbstständiger Unternehmensberater. 1976 gründete er die erste Menschenrechtsorganisation für Äthiopien, den Council for Civil Liberties in Ethiopia e.V., 1994 Orbis Aethiopicus, die Gesellschaft zur Erhaltung und Förderung der äthiopischen Kultur e.V. Im November 2012 rief er Pactum Africanum – Verein für den Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen e.V.ins Leben, um einen Beitrag zur Lösung der religiösen Herausforderungen in Afrika zu leisten.

Mitgliedschaften

Mitglied des Innovationsbeirates des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Vorsitzender des Beirates des Deutsch-Äthiopischen Studenten- und Akademikervereins e.V.
Mitglied des Alumni-Rates der J.-W.-Goethe-Universität
Mitglied des Kuratoriums „Jugend debattiert“

Auszeichnungen

Adelbert-von-Chamisso-Preis für Manieren, 2004
Ehrensenator der Universität Tübingen, 2010
Walter-Scheel-Preis des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2011
Listros Award, 2011

Literaturpreis der Neuen Literarischen Gesellschaft zu Marburg, 2015

Jakob-Grimm-Preis Deutsche Sprache, 2015
Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland, 2016

Publikationen

Manieren, Eichborn, 2003

als Herausgeber mit Aram Mattioli: Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941, Köln 2006

als Herausgeber: Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmanns Geschichte der Aufklärung in Abessynien, Frankfurt am Main 2006,

Ein Prinz aus dem Hause David und warum er in Deutschland blieb, Scherz, 2007
Draußen nur Kännchen, Meine deutschen Fundstücke, Scherz, 2010
Afrika. Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten,München 2010

Integration oder die Kunst, mit der Gabel zu essen, Utz 2011
Deutsche Tugenden, Von Anmut bis Weltschmerz, C.H. Beck, 2013

Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragödie des Haile Selassie, Propyläen, Berlin 2014

Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muß Afrika helfen, Propyläen, Berlin 2016.

 

Dr. Prince Asfa-Wossen Asserate, Business consultant for Africa and the Middle East, author and political analyst. Born in 1948 in Addis Ababa, Ethiopia. A member of the Ethiopian royalty, grandnephew of the last Emperor of Ethiopia Haile Selassie, great-grandson of Empress Menen and son of the last President of the Imperial Crown Council, Le’ul Ras (Duke) Asserate Kassa (1922-1974) and his wife Leult (Princess) Zuriash Worq Gabre-Iqziabher (* 1930). Studied law, economics and history in Tübingen and Cambridge. Graduated in 1978 in Frankfurt am Main. Because of the political upheavals in his homeland, Dr. Asserate stayed in Germany, where he also received German citizenship in 1981. In 1980 – 1983 he served as a press officer of the Düsseldorf exhibition company. Since then he works as a freelance business consultant. In 1976, he founded Ethiopia’s first human rights organization for Ethiopia, 1994 Orbis Aethiopicus, the Society for the Preservation and Promotion of Ethiopian Culture. In November 2012, he founded Pactum Africanum – Association for Dialogue between Abrahamic Religions Live to help solve the religious challenges in Africa.

Memberships

Member of the Innovation Advisory Council of the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development

Chairman of the Advisory Board of the German-Ethiopian Student and Academic Association e.V.

Member of the Alumni Council of the J. W. Goethe University

Member of the Board of Trustees „Youth Debates“

Honors

Adelbert von Chamisso Prize for Manners, 2004

Honorary Senator of the University of Tübingen, 2010

Walter Scheel Prize of the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development, 2011

Listros Award, 2011

Literary Prize of the New Literary Society of Marburg, 2015

Jakob Grimm Prize Deutsche Sprache, 2015

Cross of Merit on the ribbon of the Federal Republic of Germany, 2016

Publications

Manners, Eichborn, 2003

As editor with Aram Mattioli: The first fascist war of annihilation. The Italian aggression against Ethiopia 1935-1941, Cologne 2006

As publisher: Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Noldmann’s History of the Enlightenment in Abessynia, Frankfurt am Main 2006,

A prince from the House of David and Why he Stayed in Germany, Hoax, 2007

Outside only jug, My German finds, Hoax, 2010

Africa. The 101 Most Important Questions and Answers, Munich 2010

Integration or the Art of Eating with the Fork, Utz 2011

German Virtues, From Grace to Weltschmerz, C.H. Beck, 2013

The Last Emperor of Africa: Triumph and Tragedy of Haile Selassie, Propylaen, Berlin 2014

The New Migration of Peoples: Who Wants to Preserve Europe Must Help Africa, Propyläen, Berlin 2016.

 

Articles by Dr. Prince Asfa-Wossen Asserate on African developments are published exclusively on this website for Prof. Dr. Stephan Welk LL.M., Ambassador-at-Large of the Central African Republic.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zu Beginn möchte ich gern ein Vorurteil über Afrika zerstreuen: Viele Menschen in Europa sind der Meinung Afrika sei ein homogener Kontinent und im Grunde überall gleich. Doch das stimmt nicht. Es gibt nicht nur ein Afrika. Afrika ist Vielfalt. Deshalb werde ich in meinem Vortrag sowohl über erstaunliche Fortschritte und Errungenschaften sprechen, in der Wirtschaft genauso wie in der Politik und auf der anderen Seite werde ich über gravierende Versäumnisse und Fehlleistungen sprechen und über Herausforderungen, die Afrika gegenwärtig zu meistern hat. All dies begegnet uns heute in Afrika in den verschiedenen Ländern und Regionen. Afrika bietet kein einheitliches Bild.

Afrika ist ein Kontinent mit einer Landmasse, in der Europa etwa zehn Mal Platz fände. In Afrika leben derzeit mit rund 1,2 Milliarden Menschen mehr als doppelt so viele wie in der gesamten EU, die Tendenz ist weiter steigend. Afrika sind das hunderte großer Völker und tausende kleinerer Ethnien. Afrika das sind über zweitausend verschiedene Sprachen, unterschiedliche Kulturen und verschiedene Religionen. Afrika das sind auch explodierende Millionenstädte mit all’ ihren Auswüchsen. Afrika das sind auch seit Jahrhunderten kaum veränderte traditionelle ländliche Lebensweisen. Es gab in der Geschichte große afrikanische Reiche, man denke etwa an die Königreiche von Ghana, oder die Songhay, die von Timbuktu aus über weite Teile Westafrikas herrschten und nicht zu vergessen das äthiopische Kaiserreich. Worüber sprechen wir also, wenn wir nach der Geschichte und der Kultur Afrikas fragen? Afrika ist vielschichtig und hat mannigfache Facetten.

Afrika besteht heute aus 55 Staaten. Deren Grenzen entsprechen weitgehend den Demarkationslinien, die von den Kolonialmächten in den Kontinent geschnitten wurden. Oft sind sie geradezu widersinnig. Sie trennen Völker oder zwängen andererseits viele unterschiedliche Ethnien unter eine Regierung.

Generell ist Afrika ein reicher Kontinent: Reich an Rohstoffen, Bodenschätzen, Energiereserven und jungen Arbeitskräften. Das Potential und die Ressourcen dieses Kontinents sind gewaltig. Hinzu kommt das kulturelle Erbe der vielen unterschiedlichen Völker. Das ist vielleicht der größte Schatz.

Die Verschiedenheit und Uneinheitlichkeit der Völker und Menschen Afrikas, haben aber auch tiefe Gräben zwischen ihre Kulturen gezogen. Darin sehe ich eine der Hauptursachen für das Elend des Kontinents. Widerstreitende Ansichten werden in Afrika oft nur schwer ertragen. In den afrikanischen Sprachen gibt es kaum ein Wort, das dem europäischen Begriff für „Gegner“ entsprechen würde, dessen unterschiedliche Meinungen man respektiert. In Afrika ist der Andersdenkende schnell der Feind, den es auszuschalten gibt.

Bis vor kurzem kamen hauptsächlich Katastrophenmeldungen aus Afrika zu uns. Was die Medien über Afrika berichteten, beschränkte sich in der Regel auf die berüchtigten Ks: Kriege, Krisen, Katastrophen, Korruption, Kriminalität, Kapitalflucht und Krankheit.

So mancher in Europa hatte Afrika aufgegeben und für eine lange Zeit galten die Volkswirtschaften Afrikas nicht gerade als Motoren des Aufschwungs. Momentan jedoch entwickeln sie sich erstaunlich positiv – und ein weiteres Potential ist trotz vieler Probleme durchaus vorhanden. Die Volkswirtschaften des afrikanischen Kontinents entwickeln sich nach der globalen Wirtschaftskrise deutlich besser, als die der Länder Europas. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Wirtschaftswachstum von 6 Prozent für den gesamten Kontinent.

Zwischen Dakar und Daressalam, zwischen Kairo und Kapstadt geht es endlich aufwärts, weil die freie Marktwirtschaft in vielen Regionen auf dem Vormarsch ist.

„Lions on the move“ betitelte der amerikanische Beratungskonzern McKinsey seine letzte Afrika-Analyse: „Die Löwen brechen auf“ ist eine Anspielung auf die asiatischen Tigerstaaten. 27 der 30 größten Volkswirtschaften Afrikas haben seit der Jahrtausendwende kräftig aufgeholt. Zwischen 2000 und 2008 lagen die Wachstumsraten bei fünf bis zehn Prozent pro Jahr und haben sich damit im Vergleich zu den davor liegenden Jahrzehnten verdoppelt. Das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents ist mit 1,6 Billionen US-Dollar höher als das von Russland oder Brasilien, stellte McKinsey fest. Die Experten nennen zwei Ursachen für den „schnellen ökonomischen Pulsschlag“: Bessere Regierungsführung und wirtschaftliche Reformen. Dazu zählen sie den Abbau der Schulden und Haushaltsdefizite, die Eindämmung der Inflation, die Privatisierung von Staatsunternehmen, die Liberalisierung des Handels und die Senkung der Unternehmenssteuern: „Afrikanische Regierungen verfolgen zunehmend eine Politik, die, die Märkte stärkt.“ In keiner anderen Entwicklungsregion könne man derzeit größere Gewinne erzielen, urteilt McKinsey. „Global operierende Unternehmer und Investoren können es sich nicht leisten, dies zu ignorieren.“

Aber ist das nicht nur ein Strohfeuer, das durch hohe Rohstoffpreise genährt wird? fragen Skeptiker. Sie sprechen vom „Fluch der Ressourcen“ und verweisen exemplarisch auf ein ölreiches Land wie Angola, das in Petrodollars schwimmt und im vergangenen Jahrzehnt weltweite Wachstumsrekorde von bis zu 25 Prozent per annum aufstellte, während sich die Lage der armen Bevölkerungsmehrheit im Land kaum verbessert hat. Kein Zweifel, der Boom im Energiesektor und die steigende Nachfrage nach Platin, Gold, Kupfer, Uran und Coltan haben dem Aufschwung in Afrika geholfen. Im Zuge der globalen Krise von 2008/2009 sind allerdings die Rohstoffpreise abgestürzt und die Folgen waren auch in Johannesburg, Lagos und Luanda deutlich zu spüren. Doch sie wurden zum Erstauen der Außenwelt zügiger überwunden als andernorts: Die Ökonomen führen das auf die vor der Krise vorgenommenen Strukturreformen zurück. So fiel zum Beispiel das Wachstum in Nigeria laut Weltbank nur von 6.4 Prozent im Jahr 2007 auf 5,6 Prozent im Desasterjahr 2009.

Es gibt einen weiteren Grund für Afrikas Erfolg: Neue Partner. An erster Stelle steht China, das sein Handelsvolumen mit dem Kontinent innerhalb von zwei Jahrzehnten von einer Milliarde Dollar (1992) auf 210 Milliarden Dollar im Jahr 2013 um mehr als das 200fache gesteigert hat. Mittlerweile sind über 2.000 Firmen aus dem Reich der Mitte in Afrika aktiv, und die Zahl der chinesisch-afrikanischen Projekte ist auf 8.000 angewachsen. Aber auch Brasilien, Indien, Russland, arabische Staaten und kleinere Schwellenländer wie die Türkei oder Malaysia haben Afrika entdeckt. Und aus dem Süden erobern beinahe unbemerkt die Südafrikaner mit ihren Bergbaumultis, Banken und Brauereien, Supermarktketten, Telefonkonzernen und Fernsehkanälen den Kontinent. Die Wirtschaftseliten Afrikas suchen ihrerseits die Kooperation mit den BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China).

Auch Deutschland konnte vom afrikanischen Aufschwung profitieren. Im Jahr 2010 wuchs der deutsch-afrikanische Handel um 25,4 Prozent. Die bisher dominierenden EU-Handelspartner England und Frankreich fallen dagegen allmählich zurück.

Allgemein gilt: „Europa hat die Krone als wichtigster Investor verloren“, so kommentierte das südafrikanische Fachblatt Africa Investor. Die Zeitschrift listet die hundert wichtigsten Infrastrukturprojekte auf, an denen viele der neuen Partner über Joint Ventures beteiligt sind: Tiefseehäfen in Kamerun und Guinea-Bissau, die Benguela-Eisenbahn in Angola, die Ölpipeline vom Tschad an den Atlantik, Staudämme im Sudan und in Äthiopien, Raffinerien in Nigeria, Windkraftwerke in Kenia, der größte Solarpark der Welt in Südafrikas Halbwüste.

Gleichzeitig findet eine regelrechte Revolution in der Informations- und Kommunikationstechnologie statt. Seit Juli 2010 verbindet Seacom, ein unterseeisches Glasfaserkabelsystem den Süden und Osten Afrikas mit Europa und Asien. Das Konsortium ist übrigens zu 75 Prozent in der Hand afrikanischer Anleger. Ihr Erdteil wird mit der Welt vernetzt, die schnellen Breitbandverbindungen sparen Kosten und erhöhen die Konkurrenzfähigkeit. Nirgendwo breitet sich das Internet so schnell aus, wie in Afrika, nirgendwo nimmt die Zahl der Nutzer von Mobiltelefonen so rasch zu – heute besitzen fast 500 Millionen Afrikaner, knapp die Hälfte der Bevölkerung, ein Handy und die Zahlen steigen rasant weiter.

Man kann den Aufschwung auch an anderen Indikatoren festmachen: An der zunehmenden Autodichte und den infernalischen Verkehrsstaus in den Metropolen, an den modernen Shopping Malls, Bankpalästen, Finanzdienstleistern oder an den Investmentfonds, die mit Bau- und Agrarland zocken und höchste Renditen verheißen. Das rasche Wachstum löst dabei bedenkliche Entwicklungen aus, mancherorts greift der Raubtierkapitalismus um sich.

Während Afrika sich bemüht in die globalisierte Welt einzutreten, wird es seit ungefähr einem Jahrzehnt von einer neuen Krise heimgesucht: Die neue afrikanische Völkerwanderung.

Die Welt ist aus den Fugen. 65,3 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Blutige Konflikte und die Angst vor Verfolgung haben sie aus ihrer Heimat vertrieben. Damit ist, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in seinem im Sommer 2016 vorgestellten Bericht ausführt, jeder 113. Bewohner der Erde betroffen. Und jeden Tag verlassen 34.000 Menschen, die um Leib und Leben fürchten, aufs Neue ihre Heimat – 24 in jeder Minute. Der Vergleich mit den Jahren zuvor zeigt, wie dramatisch die Lage geworden ist. Im Jahr 2010 waren es noch 10.900 Flüchtlinge pro Tag, 2012 bereits 21.400. Und nichts deutet darauf hin, dass die Zahlen zurückgehen werden, im Gegenteil. Allein 12,4 Millionen Menschen sind im Jahr 2015 neu dazu gekommen. Und es trifft vor allem Kinder und Jugendliche: Über die Hälfte der Flüchtlinge ist unter 18 Jahre alt.

Weltweit gibt es derzeit 65 Millionen Flüchtlinge – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Frankreichs. Würde man die Geflohenen in einem Land zusammenfassen, wäre es im Klassement der größten Staaten auf Platz 21. Aber nicht alle Flüchtlinge haben ihr Heimatland verlassen: Fast zwei Drittel, 40,8 Millionen, hielten sich Ende 2015 innerhalb der Grenzen ihres Staates auf; 21,3 Millionen fanden in fremden Ländern Zuflucht. Weitere 3,2 Millionen Menschen warteten im Ausland auf eine Entscheidung über ihren Antrag auf Asyl.

Was sind nun die Fluchtursachen, die jeden zehnten Afrikaner in die westliche Hemisphäre vertreiben?

Eine große Rolle spielt hierbei das Thema Bevölkerungswachstum in Afrika.

Es ist vor allem im Vergleich zu Asien (besonders zu China und Indien) augenscheinlich, dass die Bemühungen um die Reduktion der Armut in Afrika nicht voran schreiten.

Hauptursache ist laut Experten die hohe Bevölkerungsvermehrung. Es wird geschätzt, dass sich die heute eine Milliarde Menschen in Subsahara Afrika (SSA) bis 2050 verdoppeln werden. Für eine Verbesserung der Lebenssituation der Menschen durch wirtschaftliches Wachstum ist eine abnehmende Geburtenrate unabdingbar. Aber die „demographische Transition“ blieb bisher aus. Die Statistiken in 55 Ländern von SSA zeigen 5 bis 7 Geburten pro Frau an. Das entspricht einem Bevölkerungswachstum von 2,5 bis 3,5 Prozent pro Jahr, im Vergleich zu 1,1 Prozent in Asien und Lateinamerika. Die hohe Geburtenrate „frisst“ das volatile Wachstum des Bruttosozialproduktes wieder auf.

Eine Abnahme der afrikanischen Geburtenrate würde Jahrzehnte dauern. Die zunehmend hohe Migration aus Afrika könnte in Europa einen wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenbruch herbeiführen.

Nebst der vorgenannten exorbitanten Geburtenrate ist der nächste Grund der perspektivlosen afrikanischen Jugend ihre Heimatländer zu verlassen, der unfaire Welthandel.

Die „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen ist, wie es heißt, getragen vom Geist einer „neuen globalen Partnerschaft“. Dazu gehört auch das Bekenntnis zu einem fairen Handel, wie es im Paragraph 30 formuliert ist: „Die Staaten werden nachdrücklich aufgefordert, mit dem Völkerrecht und der Charta der Vereinten Nationen nicht im Einklang stehende einseitige Wirtschafts-, Finanz- oder Handelsmaßnahmen, die der vollen Entwicklung, insbesondere in den Entwicklungsländern, im Wege stehen, weder zu erlassen noch anzuwenden.“

Das legt den Finger in die Wunde: Denn worüber die EU bei der Diskussion um Afrika und Migration derzeit am allerwenigsten reden möchte, ist, ihre skandalöse Landwirtschafts- und Handelspolitik, mit der sie das globale Ungleichgewicht zementiert.

Mit milliardenschweren Zuschüssen wird die exportorientierte europäische Agrarindustrie Jahr für Jahr unterstützt. Mehr als 40 Prozent des gesamten Budgets der EU fließen in Agrarsubventionen – über 40 Milliarden Euro Direktzahlungen waren es allein im Jahr 2014. Dazu kommen weitere umfangreiche Ausfuhrprämien. Dies führt dazu, dass die europäische Agrarindustrie die Entwicklungsländer mit konkurrenzlos billigen Produkten überflutet. Zum Beispiel mit Hähnchenfleisch. Für die riesigen Mengen an Hähnchenschenkeln, die in Europa unverkäuflich sind, weil hier vor allem Hähnchenbrust nachgefragt wird, haben die Produzenten neue Abnehmer auf dem afrikanischen Nachbarkontinent gefunden. Europas Geflügelreste werden dort so billig auf den Markt geworfen, dass die einheimischen Bauern nicht mithalten können. Die Produktionskosten für ein Kilogramm Geflügelfleisch lagen 2014 in Westafrika, das besonders stark von EU-Billigexporten betroffen ist, bei 1,80 Euro. Das europäische Hähnchenfleisch wurde dort für weniger als die Hälfte des Preises angeboten. Trotz jahrelanger Kritik an dieser Praxis haben sich die Exporte von Geflügelfleisch aus der EU nach Afrika zwischen 2009 und 2014 verdreifacht – von 200.000 Tonnen auf fast 600.000 Tonnen.

Fast überall in Afrika lässt sich die verheerende Wirkung der europäischen Subventions- und Dumpingpolitik beobachten: In Burkina Faso führten die Importe von Billigmilchpulver aus der EU vor einigen Jahren dazu, dass die Mehrzahl der nomadischen Kleinbauern ihre Existenzgrundlage verlor. Für ihren Lebensunterhalt waren sie auf die Milcherzeugung angewiesen. Aber sie fanden für ihre Milch keinen Absatz mehr, nachdem die burkinischen Molkereien auf das billigere Milchpulver aus Europa umgestellt hatten. Der angebotene Preis für einen Liter lag mit 30 Cent nicht nur deutlich unter den Produktionskosten einer deutschen Molkerei, er unterbot sogar die heimischen Herstellungskosten um rund 10 Cent.

In Ghana haben Importe von Tomatenmark aus der EU zum Niedergang der einheimischen Tomatenproduktion geführt. Die Invasion der Billigkonserven, hauptsächlich aus Süditalien, hat dazu beigetragen, dass Tausende von ghanaischen  Bauern ihre Existenzgrundlage verloren. Sie werden ihre Tomatenernte nicht mehr los, stattdessen türmen sich auf den lokalen Märkten Dutzende Sorten Tomatenmarkdosen made in Italy zu mannshohen Pyramiden. Und daneben stapeln sich Frühstücksflocken aus Deutschland, Dosenfleisch aus Großbritannien und Milchpulver aus Dänemark. Tonnenweise verschiffen die europäischen Lebensmittelkonzerne ihre subventionierten Güter nach Afrika und verdrängen damit die einheimischen Erzeugnisse von den Märkten. So importiert Ghana inzwischen Jahr für Jahr 50.000 Tonnen Tomatenmark hauptsächlich aus Italien.

Die Situation wird sich in Ländern wie Ghana in Zukunft wohl noch verschärfen: Denn die in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) zusammengeschlossenen Staaten haben vor kurzem unter massivem Druck der EU mit dieser ein sogenanntes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA) unterzeichnet, das den Import von europäischen Waren noch weiter erleichtert. Bislang gewährte Europa diesen Ländern einen Sonderstatus. Während europäische Händler Zölle entrichten mussten, wenn sie ihre Güter nach Afrika ausführten, wurde Händlern bei der Ausfuhr von Gütern nach Europa Zollfreiheit gewährt. Nun sollen die afrikanischen Länder im Rahmen des neuen Abkommens ihre Zölle auf Einfuhren aus der EU ebenfalls streichen – es soll Freihandel herrschen. Aber es wird auch in Zukunft alles Andere als ein Handel unter Gleichen sein: „Wir können mit den subventionierten Produkten einfach nicht mithalten“, erklärt der ghanaische Ökonom Kwabena Otoo. „Freihandel zwischen Europa und Afrika, das ist wie ein Fußballspiel zwischen Real Madrid und der Schulmannschaft von Boli Bamboi.“

Die Handelspolitik der EU hat inzwischen viele ehemalige Kleinbauern aus Ghana außer Land getrieben. Eine große Zahl von ihnen ist in Europa gestrandet, 46.500 allein in Italien. Es entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie, dass sich viele von ihnen dort als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft verdingen. In Apulien, wo die riesigen Tomatenplantagen liegen, gibt es bei Cerignola eine herunter gekommene Siedlung, die den Namen ghetto ghanese, das ghanaische Ghetto, trägt. Während der Erntesaison im Sommer und Herbst schwillt das Hüttencamp auf 800 Menschen an. Über hunderttausend ausländische Erntehelfer arbeiten in Süditalien – eine große Zahl von ihnen kommt aus Afrika. Viele haben keine Papiere, man nennt sie Italiens „neue Sklaven“. Für einen Hungerlohn ernten sie das „rote Gold“, das später in ihre Heimat exportiert wird. Als kleine Rädchen im Getriebe halten sie jenes System am Laufen, das dazu führte, dass sie ihre heimische Existenzgrundlage verloren und sie in die Migration zwang.

Auch die besten Absichten können fatale Wirkungen haben: Kostenlose Lebensmittelhilfe zerstört den Markt für die lokale Landwirtschaft. Viel zu oft erreichen die Entwicklungsgelder nicht diejenigen, für die sie bestimmt sind – vor allem, wenn sie als direkte Budgethilfe überwiesen werden. In den Händen der Kleptokraten wird das Geld zum Instrument des Machterhalts und liefert das Schmiermittel für die grassierende Korruption. Von Afrikas Eliten hört man häufig den Spruch: „You pretend to help us and we pretend to develop.“ – „Ihr tut so, als ob ihr uns helfen würdet und wir tun so, als würden wir uns entwickeln.“ Solange dieser Satz gilt, wird sich in Afrika nichts zum Guten verändern.

Vor allem in einer Hinsicht erweist sich die Abhängigkeit von den Hilfszahlungen als fatal: Sie lähmt die Eigeninitiative der Menschen. Bei nicht wenigen Afrikanern hat sich inzwischen die Haltung durchgesetzt, andere würden für sie ihre Probleme lösen. Aber kein Land und kein Mensch empfindet es als würdig, zum ewigen Almosenempfänger abgestempelt zu sein. Man kann also die neue Generation der aufstiegsorientierten Afrikaner gut verstehen, die dagegen aufbegehrt – wie die Unternehmerin Ola Orekunrin aus Nigeria, die erklärt, sie wolle nicht von irgendjemanden „gerettet“ werden. Erst recht nicht von jenen, die einst als Kolonialherren kamen und sich nun als barmherzige Samariter gerieren; und die mit ihrem Geld doch nur korrupte alte Männer an der Macht halten, die nur an sich selbst denken. Nicht nur westliche Ökonomen wie William Easterly von der New York University oder der schottische Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton kritisieren inzwischen die landläufigen Konzepte der Entwicklungshilfe als verfehlt.

Auch immer mehr Afrikaner haben sich unter die Kritiker eingereiht. Eine der Ersten war Axelle Kabou aus Kamerun, die in Paris Ökonomie studierte. Sie arbeitete selbst jahrelang im Entwicklungssektor und beriet afrikanische Präsidenten. Nach ihrem Ausstieg aus der Branche verfasste sie 1991 eine Streitschrift mit dem Titel Et si l’Afrique refusait le développement?(Und wenn Afrika die Entwicklung ablehnte“). Im Zentrum ihrer Kritik stand die Unfähigkeit der „schwarzen Eliten“ Afrikas zur Veränderung ebenso wie die Unwilligkeit vieler Afrikaner, ihren Kontinent aus eigener Kraft weiter zu entwickeln. Heute gibt es eine Reihe afrikanischer Intellektueller wie Roger Tangri, George Ayittey oder Chika Onyeani, die ähnlich denken. Einige von ihnen, wie der kenianische Ökonom James Shikwati, gehen sogar so weit, die Einstellung sämtlicher Entwicklungshilfen zu fordern.

Aber solche radikal-populistische Forderungen bringen nichts. Viele Entwicklungshelfer in Afrika engagieren sich in höchst sinnvollen Projekten. Unbestritten ist auch, dass die Nothilfe in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Afrikaner vor dem Hungertod gerettet hat. Was indes unbedingt nötig wäre, ist ein unabhängiges Kontrollgremium, das die Wirksamkeit von entwicklungspolitischen Projekten auf den Prüfstand stellt, wie es der Diplomat und langjährige deutsche Botschafter von Kamerun, Volker Seitz, vorgeschlagen hat: Ein internationaler „Rechnungshof für Entwicklungshilfe“ nach dem gleichnamigen deutschen Vorbild, der Jahr für Jahr den Umgang der öffentlichen Hand mit den Steuergeldern der Bürger unter die Lupe nimmt. Denn Hilfe zur Entwicklung ist nur dann sinnvoll, wenn sie tatsächlich die Eigeninitiative der Menschen fördert.

Währen die Zweifel an der bisherigen Entwicklungshilfe wachsen, rufen andere nach einem „Marshallplan für Afrika“, um den Fortschritt des Kontinents voranzutreiben. Auch ich habe einen solchen seit vielen Jahren immer wieder verlangt. Auf einer Reise nach Senegal, Niger und Ruanda im August 2016 hat sich nun auch der deutsche Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, dieser Forderung angeschlossen. „Wir müssen wegkommen von den ganzen Kleinprojekten, von der Entwicklungspolitik der vergangenen Jahrzehnte, hin zu einem neuen Ansatz“, erklärte er.

Jeder weiß: Um den riesigen Kontinent Afrika wirtschaftlich voranzubringen, sind enorme Anstrengungen nötig. Dies gilt insbesondere für die mangelnde Infrastruktur. Die einst von den Kolonialherren übernommenen Verkehrswege führen meist nur zu den Häfen. Die Vernetzung innerhalb der einzelnen Länder ist mangelhaft und die zu den Nachbarländern existiert oft nur in rudimentärem Umfang. Ein Flugnetz über den Kontinent, wie wir es aus Europa kennen, gibt es nicht. Nur Ethiopian Airlines verbindet den Osten mit dem Westen und dem Süden Afrikas. Ein „Big Push“ – ein „Großer Schub“, wie ihn der Ökonom Paul Collier bereits im Jahr 2006 forderte, könnte den Kontinent endlich spürbar voranbringen.

Die wichtigste Frage aber ist: Mit wem kann ein solcher Marshallplan für Afrika abgeschlossen werden? Wie will man verhindern, dass das ganze Geld einmal mehr in den Taschen der afrikanischen Autokraten landet, die damit ihre Macht zementieren?

„Ein Land kann nicht von außen entwickelt werden“, erklärt Angus Deaton in Bezug auf die Entwicklungshilfe. „Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten.“ Dies wäre die wichtigste Aufgabe für Europas Regierungen: Sie müssen begreifen, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne politische Entwicklung nicht zu haben ist – auch nicht in Afrika. Europa muss endlich Schluss machen mit der fatalen Appeasement-Politik gegenüber Afrikas Potentaten. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, den Regierungen vorzuschreiben, wie sie ihr Land zu führen haben oder ihnen das Staatsmodell der westlichen Demokratien zu oktroyieren. Aber man sollte doch die Einhaltung der Grundsätze einfordern, die Afrikas Staaten selbst als verbindlich anerkannt haben. Sie alle haben die Grundrechtecharta der Vereinten Nationen unterzeichnet und sich zu den Menschenrechten und zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bekannt. Wer in Afrika nicht bereit ist, diesen Grundsätzen zu folgen, dem sollte die Unterstützung gestrichen werden. Afrikas Staaten sind nun seit mehr als fünfzig Jahren unabhängig. Sie erwarten zu Recht, dass der Westen sie als gleichberechtigte Partner wahrnimmt. Dazu gehört aber auch, dass man Kritik zulässt. Regierungen, die das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit missachten und die Menschenrechte mit Füßen treten, verdienen keine Unterstützung.

Aber, so lautet der oft gehörte Einwand, wird Europa dann nicht seinen Einfluss auf den Nachbarkontinent verlieren? Treibt es Afrika so nicht geradewegs in die Arme Chinas, das seine Unterstützung und wirtschaftliche Zusammenarbeit erklärtermaßen nicht von politischen Forderungen abhängig macht und das Prinzip der Nichteinmischung hochhält? Ich halte dies für ein vorgeschobenes Argument. Denn längst haben die meisten Afrikaner erkannt, dass China in Afrika seine eigene Agenda verfolgt. Ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass Peking vor allem darauf aus ist, die afrikanischen Bodenschätze auszubeuten, die es für die Entwicklung seiner Industrie braucht, und an Nachhaltigkeit nicht interessiert ist. Die Chinesen gebärden sich in Afrika „wie eine Ziegenherde“, schreibt der südafrikanische Journalist Stanley Uys. „Sie bleiben so lange im Land, wie es dauert, um die Bodenschätze herauszuholen, die sie haben wollen, und am Ende hinterlassen sie uns nur Dornengestrüpp, Steine und Sand.“ Oder, wie es der nigerianische Banker und ehemalige Gouverneur der nigerianischen Zentralbank Lamido Sanusi in der Financial Times formulierte: „China nimmt sich unsere Rohstoffe und bezahlt uns mit Industrieprodukten. Genau darin bestand das Wesen des Kolonialismus.“ Viele der vollmundigen Ankündigungen und Versprechungen Chinas, in die Infrastruktur Afrikas zu investieren, sind niemals umgesetzt worden. Und die billigen Konsumprodukte, mit denen China die afrikanischen Märkte überflutet hat, haben sein Image unter Afrikas Konsumenten nachhaltig ramponiert: Fernseher, die beim ersten Stromausfall ihren Geist aufgeben; Handys, deren Akkus kaum ein paar Wochen halten; T-Shirts, die sich bei der ersten Wäsche in ihre Bestandteile auflösen; Kondome, die platzen: In Zimbabwe gibt es ein eigenes Wort für die minderwertige Billigware aus China: Zhing-zhong.

Bei allen Diskussionen darum, wie man Afrika am besten helfen kann, darf nicht vergessen werden: Die besten Entwicklungshilfen sind gute Wirtschaftsbeziehungen – wenn sie auf Augenhöhe stattfinden. Viel wäre schon gewonnen, wenn Deutschland und die anderen Nationen Europas ihren Firmen, die in Afrika investieren wollen, bessere Sicherheiten gewährten. Peking bietet jedem chinesischen Unternehmen, das in Afrika mindestens eine Million US-Dollar investiert, eine hundertprozentige Staatsgarantie an – ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil für Chinas Firmen in Afrika. Deutsche Firmen sind im Vergleich zu Frankreich, England und den USA in Afrika stark unterrepräsentiert. Berlin sollte seinen Etat für Hermesbürgschaften für mittelständische Unternehmen, die in Afrika investieren wollen, großzügig aufstocken – und die Investitionsgarantien dabei strikt an das Kriterium der Nachhaltigkeit knüpfen. Das wäre ein sinnvoller Schritt zur Entwicklung Afrikas. Wenn Afrika eine Zukunft haben soll, muss Europa aber vor allem von seiner desaströsen Wirtschafts- und Handelspolitik Abschied nehmen. Es muss endlich damit aufhören, seine Agrarindustrie auf Kosten der Entwicklungsländer zu subventionieren. Es muss darauf drängen, dass endlich wirksame internationale Maßnahmen gegen das weltweite land grabbinggetroffen werden, das die armen Länder der Welt ihres wertvollsten Gutes beraubt – ihres landwirtschaftlich nutzbaren Bodens. Denn trotz aller nötigen Anstrengungen zur Industrialisierung: Die Landwirtschaft ist der Schlüssel zur Entwicklung des afrikanischen Kontinents. Durch verbesserte Anbaumethoden und Schutz vor Erosion könnten die Erträge in vielen afrikanischen Ländern ohne große Anstrengungen verdoppelt werden. Afrika benötigt eine breit angelegte Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft: Durch Mikrokredite für die verarbeitenden Firmen vor Ort; durch den Bau von Straßen, um den Waren den Marktzugang zu erleichtern; durch den Stopp der Einfuhr von Dumpingprodukten, die den örtlichen Produzenten das Wasser abgraben.

Afrika braucht eine Hilfe zur Entwicklung, die nachhaltig ist und auf Eigeninitiative setzt. Dabei spielt die Förderung der kleinen Leute durch Mikrokredite eine zentrale Rolle. Denn schon kleine Summen reichen oft aus, damit sich die Menschen eine eigene Einkommensquelle erschließen können und sich so aus der Armutsfalle befreien. Vor allem gilt es, die Frauen zu fördern – sie sind der Schlüssel zu Afrikas Zukunft. Bei der Rückzahlung von Kleinkrediten gelten sie als wesentlich zuverlässiger als Männer; sie geben ihr Geld nicht für Schnaps aus und sind weniger anfällig für Korruption. In den Bereichen Gesundheit und Erziehung kommt es besonders auf sie an: Wenn der Bildungsgrad der Mütter steigt, sinkt die Säuglings- und Kindersterblichkeit. Und je länger die Mädchen in die Schule gehen, desto niedriger ist später die Zahl ihrer Kinder. Wenn Afrika sein Problem der Bevölkerungsentwicklung in den Griff bekommen will, muss es auf die Frauen setzen.

Denn eines ist sicher: Niemand von außen – nicht Amerika, nicht Europa und auch nicht China – wird Afrika „retten“ können. Das kann Afrika nur selbst, wenn seine Menschen wieder Zuversicht und den Glauben an die eigene Stärke gewinnen. Erst dann wird der Exodus der Talente aus Afrika ein Ende finden. Die Afrikaner müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Europa kann und sollte ihnen dabei helfen: Damit aus dem ausblutenden Kontinent Afrika ein Kontinent der Zukunft wird.

Martin Luther King hatte einst einen Traum, dass seine Kinder eines Tages in einer Nation leben, „in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt“. Er hatte einen Traum, dass sich sein Land Amerika in „eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit“ verwandelt. Martin Luther Kings Traum mag nicht ganz in Erfüllung gegangen sein; eine „Oase der Freiheit und Gerechtigkeit“ ist auch die Welt von heute nicht. Aber manches hat sich in den 55 Jahren, seitdem Luther King seine berühmte Rede hielt, doch bewegt. Die Orte auf der Welt, an denen Menschen nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sind weniger geworden.

Aber wenn ich heute an Afrika denke, verfolgt mich ein Alptraum. Was wird sein, wenn sich tatsächlich Millionen von Afrikanern, getrieben von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, auf den Weg machen und ihrem Kontinent den Rücken kehren? Was wird passieren, wenn sie alle vor den Toren Europas stehen? Wie will Europa sie stoppen? Werden sie sich von Mauern und Stacheldraht, durch Polizisten und Soldaten abschrecken lassen? Welcher Regierungschef wollte die Verantwortung auf sich nehmen, den Befehl zu geben, auf friedliche, unbewaffnete Menschen zu schießen, die nichts anderes begehren, als für sich einen sicheren Ort zu finden? Und was würde mit den Soldaten und Polizisten geschehen, denen ein solcher Befehl erteilt wird? Welche Verheerungen würde das in ihren Seelen auslösen? Wie lange würde es dauern, bis sie sich weigern und die Waffen niederlegen?

Möge es niemals so weit kommen. Europa und die westlichen Industrienationen müssen endlich daran gehen, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen. Zu lange schon hat man dies aufgeschoben. Es geht dabei nicht nur um Afrika, es geht um uns alle. Will Europa weiterhin achselzuckend zusehen, wie vor seinen Küsten Tausende, die in Europa ihren Rettungsanker sehen, auf erbärmliche Weise ertrinken? Die Menschen, die das Risiko der Fahrt übers Meer auf sich genommen haben, glauben an Europa. Aber tun es die Europäer noch? Will Europa im Angesicht der Flüchtlinge, die an seine Tür klopfen, all das aufgeben, was es im Kern ausmacht: Seine Menschlichkeit, seine gemeinsamen Werte? Will Europa sich selbst aufgeben, indem es Afrika aufgibt?

In der Debatte um die Flüchtlingspolitik in Europa hört man immer wieder den Satz, die Flüchtlingskrise habe Europa entzweit. Aber nicht die Menschen, die in Europa Schutz und Asyl suchen, haben Europa entzweit. Das haben Europas Regierungen schon selbst getan, indem sie untereinander das Prinzip der Solidarität aufgekündigt haben. Viel zu lange hat Europa die Staaten an seinem Rand, allen voran Italien und Griechenland, mit den Flüchtlingen an ihren Grenzen allein gelassen.

Jahrhunderte lang haben sich die Länder Europas gegenseitig in Kriegen bekämpft. Die beiden letzten, die sich im 20. Jahrhundert zu Weltkriegen auswuchsen, verheerten den Kontinent wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aus der Asche des Zweiten Weltkriegs entstand die Europäische Union. Nur gemeinsam, so die Erkenntnis, wird es für die Menschen auf dem Kontinent ein Leben in

Frieden und Freiheit geben. Siebzig Jahre später droht Europa wieder in Nationalstaaten und Egoismen zu zerfallen.

Haben Europas Regierungen aus der Geschichte nichts gelernt? Glaubt Europa noch an sich selbst? Glaubt es noch an eine gemeinsame Zukunft?

„Afrika ist der Lackmustest, an dem sich Europas Humanität beweist“, so der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, der sich wie kein zweiter deutscher Politiker für den Nachbarkontinent eingesetzt hat. Europa wird sich nicht abschotten können, wenn es sein Gesicht nicht verlieren will. Es muss seine Grundsätze und Ziele verteidigen – gegenüber den Ländern in seiner Gemeinschaft, die diese nicht mehr ernst nehmen wollen, ebenso wie gegenüber Afrika.

Europa muss sich darüber klarwerden, dass es nur eine gemeinsame Zukunft geben kann – mit demokratischen Grundsätzen und einem fairen globalen Handel. Europa wird ein wenig von seinem Wohlstand abgeben müssen. Niemand muss davor Angst haben, im Gegenteil. Wenn wir, Afrikaner und Europäer, die Dinge gemeinsam beherzt und mit Zuversicht angehen, wird die Entwicklung für alle bereichernd sein – kulturell, menschlich und nicht zuletzt ökonomisch.

Fangen wir endlich damit an, es ist höchste Zeit!